Das gab es noch nie: Wir verschieben eine 1000 Meter lange Brücke. © HOCHTIEF

Verrückt

Auf ein spektakuläres Ereignis arbeiten HOCHTIEF-Ingenieure an der Autobahn 45 hin.

Fast 1.000 Meter lang und dreimal so schwer wie der Eiffelturm – lässt sich eine Brücke mit diesen Dimensionen „mal eben“ 15 Meter zur Seite rücken? Kann das funktionieren oder ist das ver-rückt? Jan Felgendreher arbeitet auf diese Lösung im Jahr 2018 hin. Er leitet den Neubau der Lennetalbrücke für die Autobahn A45 in Nordrhein-Westfalen. Und wird in Deutschland bislang nicht Dagewesenes leisten: „Verschiebungen sind im Brückenbau an sich nichts Besonderes. Aber eine Seiteneinschiebung mit einer Länge von fast einem Kilometer ist einmalig“, sagt Felgendreher.

Der Weg zur Premiere
Seit Juli 2013 laufen die Bauarbeiten. Um den Verkehr nicht zu stoppen, wird der Brückenüberbau neben der bisherigen Brücke auf eine zusätzliche Pfeilerreihe gestellt – und erst später in seine endgültige Lage geschoben. So kann der gesamte Verkehr über die Brücke in der sogenannten „Seitenlage“ fließen, während nebenan der Neubau in der „Endlage“ entsteht.

Für Ende 2018 ist dann der Höhepunkt geplant: 30.000 Tonnen Stahl und Beton werden mit hydraulisch angetriebenen Stahlseilen um 15 Meter auf die neuen Pfeiler verrückt. „Wenn alles glatt läuft, dauert das Ganze wenige Stunden. Aber wir müssen extrem behutsam vorgehen, damit der Beton nicht aufreißt. So etwas geht nicht mit Gewalt“, sagt Felgendreher.


Die Alte muss weg
Baujahr 1967. Die alte Lennetalbrücke ist noch nicht mal im Rentenalter. Und doch muss sie weg. „Eigentlich schade. Eine sehr schlanke Brücke, echte Ingenieurskunst. Aber am Abriss führt kein Weg vorbei“, sagt Felgendreher. Grund: Zur damaligen Bauzeit konnte niemand die heutige Verkehrsbelastung erahnen. Die A45 war eigentlich als „Urlaubsautobahn“ gedacht, sollte die Leute aus dem Ruhrgebiet schneller in den Süden bringen. Dass sich in der damals strukturschwachen Region einmal jede Menge Industrie ansiedeln und der Verkehr explodieren würde, ahnte keiner.

So entsteht die neue Lennetalbrücke
Der Plan: Die bestehende Brücke wird abgerissen und durch zwei neue Brücken ersetzt, je eine pro Fahrtrichtung. Schritt 1: Um die alte Überführung abreißen zu können, wird eine Behelfsbrücke gebaut, die den Verkehr aufnimmt. Schritt 2: Die alte Lennetalbrücke wird abgerissen, zwei neue werden gebaut. Für eine davon entstehen aber nur die Pfeiler. Schritt 3: Die knapp 1.000 Meter lange Fahrbahn der Behelfsbrücke wird seitlich auf die neuen Pfeiler geschoben. Das ist der Höhepunkt, auf den die Bauarbeiten zusteuern. Eine Brücke von dieser Länge wurde in Deutschland nie zuvor seitlich verschoben.

Die Last der Laster
Bis zu 80.000 Fahrzeuge rollen heute täglich über die Brücke, 16 Prozent davon sind Lastkraftwagen. Bundesweit hat sich die Lkw-Transportleistung zwischen 1967 und 2008 mehr als verdreifacht. Nicht nur die Anzahl der Laster steigt, auch ihr zulässiges Gesamtgewicht: 1956 lag es bei 24 Tonnen, heute sind es 44 Tonnen. „Die Laster versetzen die Brücke in Schwingung und verschleißen sie“, sagt Felgendreher. Ein einziger 30-Tonner mit vier Achsen schädigt die Straße mehr als 100.000 gewöhnliche Pkw. Als Folge der Belastung bilden sich bei vielen Brücken kleine Risse im Beton, durch die Salzwasser dringt und den Stahl angreift – bis die Bewehrungsstäbe durchrosten und der Beton abplatzt.

Es kommt noch dicker
Die Sauerlandlinie, wegen ihrer schönen Schwünge und imposanten Talbrücken auch „Königin der Autobahnen“ genannt, trifft der Verschleiß besonders hart: Allein auf dem 100 Kilometer langen Teilstück zwischen Schwerte und Siegen müssen 32 Großbrücken ersetzt werden. Eine längere Vollsperrung ist undenkbar: Es gibt keine Ausweichautobahn. Daher wird die A45 im rollenden Verkehr praktisch neu gebaut – ein Novum in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Eine Operation am offenen Herzen - und eine Herausforderung für Brückenbauexperten.

Weitere Informationen:

01.01.2017
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